Reneé bei der BardCon 2005 in Orlando

Bevor ich Einzelheiten von der BardCon 2005 und Reneés Auftritt erzähle: Sagt euch das Wort Subtext etwas? Oder Maintext? Oder Fanfiction? Oder Uber-Fanfiction? Oder BardCon? Für diejenigen von euch, denen das nichts sagt, sind die nächsten vier Absätze, die anderen können sie ruhig überspringen.

Die Serie „Xena“ hat mich schon immer an eines dieser Kipp-Bilder erinnert, bei dem man entweder eine Vase sieht oder zwei sich gegenüberstehende Figuren, je nachdem, ob man die schwarze oder weiße Farbe als Vordergrund bzw. Hintergrund nimmt. Genauso lässt sich auch „Xena“ auf zwei Arten sehen: Als heterosexuelle Geschichte, in der zwei Freundinnen durch dick und dünn gehen, oder als lesbische Geschichte, in denen zwei Fremde zunächst Freundinnen und später dann Geliebte werden. Der anfänglich nur von (lesbischen) Zuschauerinnen gesehene „Subtext“ (Hinweise auf eine erotische Ebene zwischen den Zeilen) wurde schließlich von den Verantwortlichen der Serie bewusst hinzugefügt, so dass sich dann jedes Publikum aussuchen konnte, die beiden Frauen als Geliebte oder als Freundinnen zu sehen. Subtext gibt es in vielen Serien, aber in keiner wurde er so perfektioniert wie bei der Serie „Xena – Die Kriegerprinzessin“.

Fanfiction gibt es auch zu fast jeder Serie, aber über keine Figuren gibt es wohl so viel Fanfiction wie über Xena und Gabrielle. Und ein Großteil davon ist lesbische Fanfiction, weil die lesbischen Zuschauerinnen nun mal das Bedürfnis haben, aus dem vorhandenen Subtext Maintext zu machen, dass heißt, die beiden Hauptfiguren offiziell als Paar erscheinen zu lassen. Dies ging sogar soweit, dass innerhalb der Fanfiction ein komplett neues Genre geschaffen wurde, und dieses Genre heißt „Uber-Fiction“ (oder auch Über-Fiction“, der Begriff ist aus dem Deutschen entlehnt).

Über-Fiction bedeutet, dass eine Geschichte erschaffen wird, in der zwei weibliche Figuren auftauchen, die Xena und Gabrielle verblüffend ähnlich sind, aber die anders heißen und in einer anderen Zeit bzw. Realität leben.

 Manchmal wird darauf Bezug genommen, dass die beiden Figuren die weitergewanderten Seelen von Xena und Gabrielle sind, manchmal sind sie ihre Nachfahren, manchmal haben sie aber auch nur ein ähnliches Schicksal oder ähnliche Charakterzüge.

Der Fantasie sind keine Grenzen gesetzt. Und dem Copyright auch nicht, da diese neuen Figuren ja nicht wirklich Xena und Gabrielle sind. Dies ist für die Buchbranche ein ungeheurer Vorteil, denn es erlaubt den Verlagen, Xena/Gabrielle Uber-Fiction zu veröffentlichen, ohne sich mit fremden Rechten herumplagen zu müssen.

Und deswegen gibt es jetzt nicht nur Xena/Gabrielle Uber-Fiction im Internet zu lesen, sondern in den USA sind in den letzten Jahren Hunderte von Büchern erschienen, die käuflich zu erwerben sind.  Ein großer Teil der amerikanischen Lesbenliteratur ist also eigentlich Xena/Gabrielle Uber-Fiction und tatsächlich beginnt sich jetzt auch Deutschland zu regen und erste Romane wie z.B. Melissa Goods „Tropischer Sturm“ erscheinen in deutscher Übersetzung.

Das Genre ist so groß geworden, dass es in Florida bereits dreimal eine jährliche Convention gegeben hat, zu denen  Autorinnen (Bardinnen), Leserinnen und Verlage gleichermaßen eingeladen sind, um miteinander ins Gespräch zu kommen, die so genannte BardCon. Und dieses Jahr (2005) ist den Veranstalterinnen etwas ganz Besonderes gelungen: Reneé O’Connor hatte zugesagt, auf der BardCon zu lesen.

Dies war in zweierlei Hinsicht eine Sensation: Erstens ist Reneé ein vielbeschäftigter Star, von dem man erstmal nicht annehmen sollte, dass er sich auf einer kleinen, von Leserinnen, also von Laien organisierten Veranstaltung blicken lässt. Und zweitens war klar, dass es sich hier um eine in erster Linie lesbische Veranstaltung handelte, in der alle Romanfiguren ihr („Gabrielles“) Gesicht bzw. das ihrer Kollegin Lucy Lawless („Xena“) trugen.  

Nun war ich immer davon ausgegangen, dass Reneé und Lucy nicht wirklich klar ist, was an romantischer Literatur alles in den letzten Jahren entstanden ist, denn wäre ich an ihrer Stelle, hätte ich mich mit genügend Lebensmitteln versorgt und wäre auf eine unentdeckte Insel geflohen, bis auf weiteres. Von so manchen Geschichten im Internet möchte ich nicht Objekt der Begierde sein, ob nun von Frauen oder Männern. Und vergessen wir auch nicht, dass Reneé aus dem konservativen Texas kommt und sich an das Thema Subtext in den Anfängen erst gewöhnen musste (sie gewöhnte sich allerdings sehr schnell und wurde zu einer der kreativsten Subtexterinnen in der Show.)  

Nun lese ich gern Xena/Gabrielle Uber-Fiction, ich habe Freundinnen in Florida, und ich wollte Reneé O’Connor live sehen. Insofern war es klar, dass ich auf die BardCon musste und so geschah es dann auch. Freunde hatten uns zwar abgeraten, überhaupt zu fliegen, weil der Hurricane „Wilma“ bereits Kurs auf Florida genommen hatte, aber meine einzige Angst war, dass die gesamte Convention ins Wasser fiel oder Reneé ihren Flug absagen müsste. Nichts davon trat ein. Von Leuten, die eine ähnliche Route wie Reneé geflogen sind, um nach Orlando zu kommen, weiß ich, dass die Ausläufer von Wilma ihr Flugzeug fast zum Abstürzen gebracht haben. Reneé hätte also allen Grund gehabt, zu Hause zu bleiben, aber in einen Hurricane zu fliegen, scheint sie nicht zu schrecken. Wenn sie sich etwas vorgenommen hat, dann zieht sie es auch durch, und Leute im Stich zu lassen ist nicht ihre Art. Den Eindruck hatte ich vorher schon von ihr und er hat sich für mich bestätigt.

Was folgte, war ein Tag voller Überraschungen. Es fing damit an, dass wir als erstes Mama ROC in die Arme liefen. Reneé’s Mutter war der Inbegriff amerikanischer Herzlichkeit und wenn sie Reneé nicht so ähnlich sehen würde, hätte ich sie nie für ihre Mutter gehalten, jung und dynamisch wie sie durch die Gegend sprang und „Hugs“ verteilte. Sie war  beeindruckt, dass wir extra aus Deutschland angeflogen waren und meinte, wir sollten sofort an ihren Tisch kommen, sobald Reneé sich setzte. Sie würde uns bestimmt kennen lernen wollen. Dieser herzlichen Einladung sind wir leider nicht nachgekommen, denn wir waren zu schüchtern und Reneé zu beschäftigt.

Nun gibt es Stars, die haben Allüren und lassen auf sich warten. Und es gibt welche, die sind respektvoll und pünktlich. Und dann gibt es Reneé, die sogar früher aufkreuzt als angekündigt.

Sofort wurde sie herzlich begrüßt und von Fans gefragt, ob sie Autogramme unterschreiben oder Fotos personalisieren könnte. Und genau das hat sie dann gemacht, obwohl das alles im Zeitplan nicht vorgesehen war. Aber sie war ja eh zu früh. Und nicht nur Unterschriften und Widmungen gab es, sondern die Fans konnten sich auch mit ihr fotografieren lassen. Ein besonderes Geschenk, bedenkt man, dass so ein Foto mit einem Star wie Reneé O’Connor auf einer Xena Convention 70 Dollar kostet. So unkompliziert kann es sein, wenn keine große Organisation dazwischen hängt.

Und dann ging die Lesung los. Alle waren total gespannt, ob Reneé tatsächlich Fanfiction vorlesen würde. Zunächst war ich sehr überrascht, Reneé nervös zu sehen, als sie auf die Bühne stieg und zu uns redete. Schließlich ist sie ein Star und die Bühne ist ihr Arbeitsplatz. Aber dann, als sie anfing zu erzählen, da wurde mir schnell klar, warum: Sie berichtete, gerade aus Israel zurückzukommen und dass sie noch ganz erschüttert sei von den Schrecken in diesem Land. Und dass es ihr schwer falle, hier mit uns zu lachen und an anderen Orten dieser Erde sei so viel Schmerz. Bereits da war ihre Stimme brüchig und sie versagte dann endgültig, als sie aus Briefen zu lesen begann, die amerikanische Soldaten aus dem Irak nach Hause geschrieben hatten.  Sie musste mehrfach unterbrechen und neu ansetzen bis es langsam leichter wurde und sie die Briefe zügiger lesen konnte.

So ist Reneé. Sie wusste vorher, wie schwer es ihr fallen würde, diese Texte für uns zu lesen, aber sie tat es trotzdem, weil es ihr wichtig war, ihre Erfahrungen mit ihren Fans zu teilen anstatt sich einen neutraleren Text zu suchen. Mir wurde auch klar, wie sicher sich Reneé unter ihren Fans fühlen muss, wenn sie sich derart öffnet. Die ganze Lesung über war deutlich, wie wohl sich Reneé mit ihren Fans fühlte und wie gut es den Fans mit ihr ging. Es war eine Atmosphäre von Herzlichkeit und Respekt.

Und danach dann kramte Reneé Fanfiction aus ihrer Tasche. Jede Menge Fanfiction. Und den Anfang machte sie mit einer Geschichte, die ich zufällig aus dem Internet kannte und die ich damals schamrot zur Seite gelegt hatte, weil sie nichts anderes war als eine sehr heiße sexuelle Fantasie, mit einer ziemlich dominanten Über Xena und einer sehr lernbegierigen Über Gabrielle in den Hauptrollen. Das gesamte Publikum hörte auf zu atmen, so überrascht waren alle von Reneés Auswahl. Natürlich fügte sie anstandshalber ein paar amerikanische „Beeps!“ und „Plings!“ ein, wenn es allzu graphisch wurde. Sie machte das sehr kreativ und machte außerdem Bemerkungen wie „Oh yeah, I can imagine Lucy doing just that!“, so dass sich das Publikum vor Lachen gar nicht mehr zum Luftholen kam. Ich hätte vorher nicht gedacht, dass diese Geschichte so unterhaltsam sein könnte. (Für diejenigen, die jetzt neugierig geworden sind, die Geschichte heißt „The Headmistress“, ist von Feoliness und immer noch online.) An einer Stelle lehnte sich MamaROC zu einer der Autorinnen und flüsterte ihr ins Ohr „You are blushing.“ Also, andere Mütter hätte man an dieser Stelle bereits wiederbeleben müssen.

Dann begann Reneé aus allen möglichen Büchern vorzulesen, deren Autorinnen zum großen Teil anwesend waren. Dieser Teil hätte meines Erachtens besser organisiert werden müssen. Ganz offenbar hatten die Organisatorinnen für Reneé Bücher zum Vorlesen herausgesucht, aber sie hatten eben nur die Bücher herausgesucht und keine Textstellen. Also schlug Reneé die Seiten mehr oder weniger zufällig auf und erwischte natürlich manchmal recht langweilige Textstellen. Sie fragte dann schließlich ins Publikum, ob wir Lieblingstextstellen hätten, aber eine Frau rief nur, sie solle mal gern so weitermachen. Sie könnte auch aus dem Telefonbuch vorlesen und wir wären ganz Ohr. So war es dann auch. Ich habe inhaltlich kaum was mitbekommen von den Geschichten, aber Reneés Stimme hätte ich endlos lauschen können. Wer sie schon mal gehört hat, weiß, wovon ich rede. Hoffentlich nimmt Reneé irgendwann mal Hörbücher auf…

Als dieser Programmpunkt zu Ende war, gab’s erstmal Pause, weil Umbauten für die abends angesetzte Talentshow notwendig waren. Die Talentshow der BardCon ist legendär und alle waren schon gespannt, was sich die (Laien-)Künstlerinnen dieses Jahr ausgedacht hatten. Und vor allem waren wir gespannt auf Reneé, die zugesagt hatte, die Talentshow zu moderieren.

Und in der Tat war es gut, vorher gegessen zu haben, als Reneé die Bühne betrat. Sie hatte sich umgezogen und war nun ganz in schwarzem Leder gekleidet. In ihrer rechten Hand hielt sie das Mikrofon und in ihrer linken Hand hielt sie eine Peitsche, die sie auch zu benutzen beabsichtigte. (Das Ganze war eine Anspielung auf lesbische S/M Szene, die in der Geschichte The Headmistress z. T. beschrieben wurde).

So eine Moderatorin hat die Welt wohl vorher noch nicht gesehen. Wenn Reneé sich nur halb so gut amüsiert hat, wie es aussah, dann hatte sie einen genauso prächtigen Abend wie wir. Sie hatte ein sehr gutes Gefühl sowohl für die auftretenden Künstlerinnen als auch für das Publikum. Sie fand immer die richtigen Worte, ermutigte die Künstlerinnen, versah jede nach ihrem Auftritt charmant mit ein paar Peitschenhieben, sie tanzte auf der Bühne und brachte mit ihren Bemerkungen den ganzen Saal zum Lachen.  

„You’re looking good with that whip, Reneé!” rief eine Zuschauerin. “Yeah, I’m practicing”, rief sie zurück und schwang die Peitsche über ihrem Kopf. In der Tat wird sie noch etwas zu üben haben, denn es hat wohl noch nie eine Domina gegeben, die so zärtliche kleine Hiebe verteilte. Wie auch immer, von dieser Talentshow werden alle Anwesenden noch in zehn Jahren sprechen.

In den vergangenen Jahren habe schon manches Mal beobachtet, wie Reneé sich gegenüber allzu bedrängenden Fans zurückgezogen hat. Es war deutlich, wie unangenehm ihr manches Gebaren ist. Ich konnte nie richtig beurteilen, ob es das grenzüberschreitende Verhalten von sabbernden Fans war, oder ob es ein Unwohlsein auch mit dem lesbischen Thema gibt. Seit der BardCon ist diese Frage für mich endgültig beantwortet: Die Frau hat weniger Berührungsängste mit Lesben als ich selbst, und ich bin eine. Nur wenn Menschen sich ihr gegenüber grenzüberschreitend und respektlos verhalten, dann weicht sie zurück. Zum Glück ist das auf der BardCon an keiner Stelle der Fall gewesen.

Ja, das war’s. Ist ganz schön lang geworden mein Bericht, aber kürzer ging’s irgendwie nicht. Schließlich wollte ich deutlich machen, dass es sich lohnt, mitten in einen Hurricane zu fliegen, um Reneé O’Connor zu erleben. Ich würde das jederzeit wieder machen, auch wenn Wilma am folgenden Montagmorgen über Florida hinwegfegte und in unserer Stadt in Palm Beach County Jahrhundertschäden anrichtete. Reneé ist es wert.

Towanda